Holly Win beginnt mit einer konkreten Leseaufgabe
Holly Win ist kein allgemeines Motivationsprogramm, sondern ein achtwöchiges Peer-Learning-Format für die Sekundarstufe. Im Mittelpunkt steht eine 45-minütige Einheit pro Woche: Ältere Schülerinnen und Schüler begleiten jüngere beim lauten Lesen, markieren Stolperstellen und fassen jeden Text in drei Sätzen zusammen. Die Rollen sind fest verteilt, jede Sitzung endet mit einer Rückmeldung auf einer Drei-Felder-Karte: Was lief gut, was war schwierig, was wird nächste Woche anders gemacht.
Das Problem ist nicht fehlende Motivation, sondern fehlende Routine
Viele Schülerinnen und Schüler lesen in der Schule nur dann zusammenhängende Texte, wenn eine Prüfung ansteht. Dadurch fehlt die Wiederholung, die für flüssiges Lesen und sicheres Verstehen nötig ist. Holly Win setzt genau dort an: Die Teilnehmenden lesen jede Woche einen kurzen Sachtext von 300 bis 500 Wörtern, bearbeiten zwei Verständnisfragen und präsentieren ihre Zusammenfassung in der Gruppe. Das Format trainiert also nicht nur Lesen, sondern auch Strukturieren und mündliches Formulieren.
Die Ursache liegt im Übergang zwischen Schulstufen
Beim Wechsel von der Primarstufe in die Sekundarstufe steigen die Textlängen und Fachbegriffe deutlich an. Gleichzeitig fehlt oft eine gemeinsame Methode, um mit unbekannten Wörtern umzugehen. Holly Win reagiert mit einem festen Ablauf: Zuerst wird der Text überflogen, dann werden Schlüsselwörter markiert, anschließend wird abschnittsweise gelesen und zuletzt mündlich zusammengefasst. Diese Reihenfolge wird in jeder Sitzung wiederholt, bis sie automatisch abläuft. Der Effekt ist unspektakulär, aber konkret: weniger Abbrüche beim Lesen und mehr Beteiligung an Textgesprächen.
Umsetzung: klare Rollen statt offener Betreuung
In der Praxis braucht Holly Win keine zusätzliche Technik. Zwei ältere Schülerinnen oder Schüler übernehmen pro Gruppe die Moderation, eine Lehrkraft beobachtet und gibt nach jeder Einheit kurzes Feedback. Die Materialien bestehen aus einem Textblatt, drei Reflexionskarten und einem einfachen Protokollbogen. Ein Beispiel für die schulische Einbettung ist die NMS Brüsslgasse, die solche Peer-Formate in den Schulalltag integriert: https://nmsbruesslgasse.at/. Wichtig ist, dass die Rollen nicht dauerhaft an Leistungsstärke gekoppelt werden; nach vier Wochen wechseln die Moderationsaufgaben.
Grenzen: Holly Win ersetzt keine systematische Leseförderung
Das Format hat klare Grenzen. Es eignet sich für Routine und Selbstvertrauen, nicht für die Diagnose von Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten. Wer eine fundierte Förderung braucht, benötigt zusätzliche Testung und individuelle Übung. Trotzdem zeigt Holly Win einen realistischen Weg: Ein überschaubarer Acht-Wochen-Rahmen, feste Abläufe und Peer-Rollen schaffen mehr Lesekontakt als ein einmaliger Projekttag. Entscheidend ist die Wiederholung – und die Bereitschaft, nach jeder Einheit eine kurze Rückmeldung zu geben.
